Mall of Berlin Recycling – Nachhaltig wachgeküsst
Die Berlin Recycling GmbH ist eine Tochter der Berliner Stadtreinigung (BSR) und für die Abholung von Altpapier, Altglas, Gewerbeabfällen und weiteren Abfallarten in Berlin verantwortlich. Und sie erfindet sich stetig neu. Das muss das Unternehmen auch: Strategisches Wachstum, Digitalisierung, immer komplexere Anforderungen der Kunden und ein steigender Fachkräftemangel sind nur die äußeren Faktoren. Berlin Recycling hat erkannt, dass es auch den Raum für eine neue Arbeitswelt braucht:
Wie kann ein in die Jahre gekommenes Bürogebäude im laufenden Betrieb zum Zentrum moderner Arbeit werden und gleichzeitig Raum für Wachstum bieten? Wenn das nicht gelingt, lässt sich dann eine ungeliebte Lagerhalle für neue Arbeitswelten wachküssen?
Recycling ist der Kern des Unternehmens. Mehr noch: Es ist Leitmotiv, strategischer Dreh- und Angelpunkt. Wie kann kreative Nachhaltigkeit konsequent Grundidee der Architektur sein?
Wie bringt man Fahrer:innen und Bürotätige in einem inspirierenden Umfeld zusammen? Anforderungen wie flexibles, mobiles Arbeiten, intensiver Austausch und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind ein großes Ziel für die Berlin Recycling GmbH.
Was wäre, wenn sogar die Gebäudenutzung nach der Arbeitszeit nachhaltig und flexibel wäre? Geht das überhaupt, bei dieser Fülle entgegengesetzter Anforderungen?
Kann man die Strategie der konsequenten Nachhaltigkeit auch in Architektur sichtbar und erlebbar machen?
Neue Arbeit braucht Identifikation. Ist es möglich, alle Mitarbeitenden dabei mitzunehmen, einzubinden und dabei etwas Großes zu schaffen?
Berlin Recycling ist mutig an diese Aufgabe herangegangen. Und Mut heißt auch, zwischendurch die Richtung zu wechseln, wenn es dem Ziel dient.
Der ursprüngliche Auftrag war die Umgestaltung eines in die Jahre gekommenen Bürogebäudes. Schnell wurde klar: Zu teuer, zu aufwendig und dabei schlicht nicht machbar im laufenden Betrieb.
Für uns wie für die Berlin Recycling GmbH war das das ernüchternde Ergebnis einer Baubesprechung vor Ort. Beim Verabschieden fiel unser Blick auf eine Fahrzeughalle aus den 1960ern:
„Was macht Ihr den mit der Halle?“
„Die ist zu niedrig für die neuen Fahrzeuge, da lagern wir Reifen und Akten.“
„Warum küssen wir die nicht wach?“
Manchmal müssen die Gedanken im Kopf die Richtung wechseln dürfen. Damit war die ambitionierte Idee geboren: Recycling zu Ende gedacht, nachhaltig gemacht.
Der Prozess: Berlin Recycling wollte von Anfang an, dass das Projekt für alle Mitarbeitenden eine Zukunftschance bedeutet. Sehr konsequent wurden daher auch alle Mitarbeitenden zum Workshop eingeladen.
Der Workshop: Unsere Kernerkenntnis: Je größer die Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Projekt, umso abgefahrener wird’s. In 1,5 Tagen intensiver Workshoparbeit legten wir den Grundstein für neues Arbeiten.
Partizipation lässt ein lebendes, atmendes Konzept entstehen. Die Mitarbeitenden entwickelten eigene Vorgaben und Ideen – angefangen bei der verbindenden Ausrichtung des Gebäudes, die alle Nutzungen erlaubt bis hin zu einem selbst entwickelten und umgesetzten Namenskonzept. Das Schönste daran: Wenn wir als Arbeitsweltstrategen erleben dürfen, wie Teams sich das Projekt zu eigen machen, und wir als Geburtshelfer zur Seite stehen.
Das Namenskonzept der Mitarbeitenden wird sichtbar. Und die Räume nachhaltig quergenutzt für Veranstaltungen etc.
Von Beginn des Projektes haben sich die Mitarbeitenden auch über eine nachhaltige Nutzung des Gebäudes über die Kernarbeitszeit hinaus Gedanken gemacht.
Das Gesamtgebäude wurde so zoniert, dass der Workshopbereich und die riesige Teeküche für Seminare, Versammlungen oder Events gebucht werden können, und so auch in den Abendstunden oder am Wochenende belebt sind.
Erhalten, was erhalten werden kann: Wie geht man raffiniert und respektvoll zugleich mit dem Baubestand um und erschafft daraus hochmoderne Architektur, die den Mensch in den Mittelpunkt rückt? Unter dieser Prämisse blieben das Stahltragwerk, die hölzernen Dachpfetten, die gemauerten Kalksandsteinwände und die Bodenplatte erhalten. Das Stahltragwerk wurde nach innen gekehrt. Das erfüllt nicht nur einen prägenden Designanspruch, es spart auch einfach Baumaterial.
Die Gebäudehülle: Modern und nachhaltig – das geht mit Lärche aus heimischer Forstwirtschaft und recyclebarem verzinktem Stahlfalzblech. Wie dämmt man diese Konstruktion? Als Dämmung wurde Zellulose aus Altpapier eingeblasen – der Wertstoff, den die BR täglich bei ihren Privat- und Gewerbekunden einsammelt.
Schrott wird Design: Für den Innenausbau und die Möblierung wurden überwiegend Re- beziehungsweise Upcycling-Produkte gewählt: Schallabsorber aus alten PET-Flaschen, Teppichboden aus recyceltem Polyamid und ein Terrazzoboden aus aufbereitetem Granulat. Auch die Lampen haben eine Geschichte: Sie bestehen aus alten Vogelkäfigen und Badmintonschlägern.
Was heißt das fürs Projekt? „So geht Zukunft des Bauens“, findet die dena (Deutsche-Energie-Agentur) und die Mall of Berlin Recycling BR war 2024 zudem für den „Klimaschutzpartner des Jahres“ in der Kategorie realisierte Projekte nominiert.
"Mit dem nachhaltigen Upcycling unserer Fahrzeughalle - in einen modernen und flexiblen Bürokomplex - setzten wir unsere Soll Kultur und unsere strategische Ausrichtung mittels Architektur unmittelbar um und gehen so den nächsten Schritt in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung der BR.“
„Die Mall of BR ist eines der größten Upcycling Projekte. Sie zeichnet sich durch einen ganzheitlichen Ansatz zur Nachhaltigkeit aus.“
Erst durch die gemeinsame Diskussion wurde die Einsicht gewonnen, dass ein Arbeitsplatz im Sinne der Nachhaltigkeit flexibel sein muss. Und dabei mobiles Arbeiten genauso möglich macht, wie intensive Kollaboration, Interaktion und Identifikation.
Mutige Richtungswechsel ermöglichen die besten Lösungen.
Wenn Mitarbeitende mitwirken dürfen, entsteht mehr als nur ein Raum für neue Arbeit, Es entsteht die Möglichkeit zu gesundem Wachstum und ein Anziehungspunkt für neue Mitarbeitende.
Eine Unternehmensstrategie der konsequenten Nachhaltigkeit lässt sich direkt in Architektur übersetzen.
Upcycling par excellence: Wiederverwendete Dachpfetten, Stahlkonstruktion und Mauern sind die perfekte Hommage an die Geschichte des Ortes.
Akustik trifft Stil: Holzwolle-Leichtbauplatten schaffen eine angenehme Arbeitsatmosphäre und verleihen dem Raum eine einzigartige Ästhetik.
Grüne Technologie und Stilfusion: Umweltfreundliche Wärmepumpe, PV-Anlage und natürliche Lüftung unterstreichen die nachhaltige Gestaltung.
Vintage Vibes und Recycled Chic: Einrichtung mit Upcycling-Materialien, recyceltem Granulat im Terrazzo-Boden und 100% recyceltem Polyamidgarn im Teppichboden betonen den nachhaltigen Ansatz.
Smarte Energie und flexible Nutzung: Effiziente Beleuchtung mit Präsenzmeldern und modulare Raumstrukturen bieten einen zukunftsorientierten Arbeitsplatz.
Quellen
© alle Fotos: Peter Eichler Fotografie