Clown der ein Rad neben dem frustrierten König im Stuhl schlägt.

Wie Transformation in Unternehmen gelingt

Frustrated Facilitators

Innerer Schweinehunde-Trainer

Meine Freundin Inga hat jetzt einen Personal Trainer. Der weckt sie, treibt sie an, lässt sie leiden. Den kann sie verfluchen, kann ihm absagen, kann sich gegen ihn stemmen. Ein Personaltrainer ist quasi der Dompteur des eigenen Schweinehundes. Letzterer liegt nämlich gemütlich bei Inga auf dem Sofa und will weder im Regen joggen noch früh aufstehen. Und da der nicht auf sie hört – muss nun Felix ran. Felix ist das, was neuerdings als Facilitator bezeichnet wird: Ermöglicher, Veränderungsbegleiter hin zur besseren Kondition, weniger Fettpolstern, gesünderer Ernährung.

Felix weiß wenig, was Inga nicht selbst wüsste – aber er hat die Lizenz zum Piesacken.

Sie spricht zwar von „motivieren“ – aber wir alle wissen, dass Schweinehunde sich nicht motivieren lassen, sondern nur mit harter Hand umerziehen – und das auch auf lange Sicht nur mit geringer Erfolgsaussicht (sorry Inga).

Wasch mich, aber mach mich nicht nass

Mein Freund Alex macht dasselbe wie Felix – nur für große Unternehmen. Er ist Scrummaster und piesackt ganze Teams, um sie zu mehr Interaktion, kreativeren Methoden und besserer Agilität hinzuerziehen, locken, treiben. Und ist zutiefst frustriert.

Wenn Felix heult, weil seine übergewichtigen Kunden keine Pfunde verlieren, heult Alex, weil die von ihm betreuten Unternehmen sich gar nicht oder so langsam verändern, dass er seine üppigen Tagessätze als Schmerzensgeld ansieht.

Wie sehr sein Job dem von Sisyphos ähnelt, hat Alex gemerkt, als er mit seinen Schützlingen nach zig erfolglosen Anträgen kurzerhand den störenden Konferenztisch aus dem zugewiesenen Kreativraum in den nächstgelegenen Abstellraum beförderte. Zwei Wochen später stand der Tisch wieder sehr wenig agil im Konferenzraum und Alex bekam eine Abmahnung – da er mit seinen Kollegen die in der Betriebsvereinbarung festgelegte maximale Traglast von 15 Kilo pro Mitarbeiter mit Verschieben des Tisches überschritten hatte.

Bei einem Meetup vor zwei Monaten hatte ich gleich eine ganze Gruppe von Coaches, Scrummastern etc. vor mir, die allesamt ihren Frust zum Ausdruck brachten: geringe Wirksamkeit, immenser Kraftaufwand gegen Beharrungstendenzen, Geduld strapazierende Langsamkeit – ja bis hin zu dem Vorwurf, nur als Alibi eingestellt zu werden.

„Seht – wir haben sogar einen Coach engagiert.“

Sind Facilitator*innen also Etikettenschwindler, Gemütsberuhiger, schlechtes-Gewissen-Übertüncher?

Sich gesund machen lassen

Sich scheiße ernähren, keinen Sport treiben, trotz körperlicher Warnsignale zu viel arbeiten – aber eine Chefarztbehandlung verlangen, wenn das Herz aussteigt, und dem Mediziner die Schuld geben für die schlechten Blutwerte.

Wir alle wissen, dass wir nur selbst für unsere Gesundheit sorgen können, wir den Chefarzt präventiv umgehen und Felix sein Geld wert sein lassen könnten (bewusster Konjunktiv!), wenn wir unseren eigenen Anteil an der Veränderung hin zum Besseren bringen würden.

Bei Unternehmen ist das mit dem Eigenanteil komplexer – dazu dieser Blog. Aus der Erfahrung mit unseren Kunden können wir Grundbedingungen herauskristallisieren, die die Wahrscheinlichkeit eines Gelingens von Transformationsprozessen zwar nicht garantieren – zumindest aber deutlich wahrscheinlicher machen.

1.) Regelkreis - 100 % Outsourcen ist nicht

Veränderungsprozesse lassen sich nicht weg delegieren.

Das wäre, wie wenn ich Felix für mich joggen gehen lassen würde, um abzunehmen. Coole Vorstellung – aber eben Nonsens.

Veränderung muss systematisch durchs komplette System durch und braucht Zeit und damit entsprechende Kapazitäten.

Weder einen kulturellen noch einen organisatorischen oder baulichen Umbau (people, process, place) bewerkstelligt man nebenbei.

Dazu bedarf es eines Projektteams (Regelkreis, Change Team), welches die Ohren an den Mitarbeitenden hat, sich Ängste und Sorgen anhören kann und – neben dem entsprechenden Wissen – vor allem auch über das Zeitkontingent verfügt.

Darüber hinaus haben die eigenen Mitarbeitenden oft die feineren Sensorien für die Gemütslage der Teams.

2.) Vorleben - des Fisches Kopf und der Fakechange

Change-, Transformations- oder Kulturprojekte zu unterschätzen, heißt, sein eigenes Unternehmen und die Mitarbeitenden nicht ganz ernst zu nehmen.

Oft wird nach Umwegen oder Abkürzungen gesucht, um ohne das Einbeziehen der Teams Entscheidungen zu treffen. Oder wir als Arbeitsweltstrategen sollen den Mitarbeitenden einfach nur die Dinge richtig verkaufen, sie manipulieren, eine bereits bestehende Entscheidung so aussehen lassen, als sei sie vom Team getroffen.

Fake Change oder Herumdoktern nennen wir das: „Mach mich gesund – aber ich werde nicht auf Zucker und Zigaretten verzichten!!!

Veränderung funktioniert nicht durch Manipulation, sondern durch das Setzen von Impulsen, durch Zuhören und das gemeinsame Anpacken aller – ungeachtet der Position im Unternehmen.

Nie geht Veränderung ohne Korrekturen der Führungskultur hervor!

Und ja – wertschätzend sollte erwähnt werden, dass insbesondere dem mittleren Management im Transformationsprozess der Verlust schwer erarbeiteter Privilegien droht.

Abteilungs- und Teamleiter haben im Veränderungsprozess oft den längsten Weg zu gehen.

Gebt ihnen genug Zeit und die nötige Unterstützung, um sich neue Führungsleitlinien zu erarbeiten.

3.) Haltung - Die Kunst des richtigen Zuhörens.

Heilung hat etwas mit Zuhören und ganzheitlicher Betrachtung des Patienten zu tun.

Tief in jedem Unternehmen haben Krisen, blöde Chefs, Kündigungswellen ihre Spuren hinterlassen – über Jahre hat sich damit eine Kruste an Beharrungstendenzen gebildet, die nun jedem Transformationsversuch die Stirn bietet.

Die Zukunft ist – rational und emotional betrachtet – für die wenigsten von uns ein positiver Ort.

Sowohl die Angst, Erreichtes loslassen zu müssen, als auch die Ungewissheit, wie es weitergeht, treiben in einer immer komplexeren Welt die Menschen in die Schlaflosigkeit.

Die einen versuchen, sich die Welt einfacher zu reden, als sie ist – bis hin zur zunehmenden Anzahl derer, die sie wieder als Scheibe sehen.

Die anderen halten mit hoher Energie am Alten fest und sprechen von den „guten alten Zeiten“.

Hört man den Mitarbeitenden aber geduldig zu, schafft man Gesprächsräume, in denen Menschen sich und ihre Angst mitteilen können, und würdigt man das Erreichte, so ist es erstaunlich, wie schnell die Beharrungswiderstände dahin schmelzen und Menschen mit anfassen wollen.

Denn das ist sicher:
Für eine Zukunft, die sich besser anfühlt, bringt sich jeder ein, sobald er das Gefühl hat, sie selbst wirksam mitgestalten zu können.